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Zwischen Sündenfall und Erlösung:
Der christliche Lebensbaum

Dass Jesus Christus als der Sohn Gottes den Menschen das wahre Leben zurückgegeben hat, indem er für sie den Kreuzestod starb und wiederauferstand, gehört zu den Grundüberzeugungen christlicher Überlieferung. Der erlösende Tod am Kreuz aber steht in unmittelbarer Verbindung mit der Erzählung vom Anfang der Menschheit, wie sie im alten Testament der Bibel festgehalten wurde. Danach sind die ersten Menschen, Adam und Eva, aus der anfänglichen Einheit mit Gott, dem Paradies, herausgefallen, weil sie ein Gebot Gottes nicht beachteten. Durch diesen „Sündenfall“ verloren sie und damit alle nachfolgenden Menschen das ewige Leben und wurden sterblich. Erst durch das Wirken und vor allem den grausamen Tod des Gottessohnes konnten die Menschen nach christlicher Vorstellung von der Erbsünde befreit werden. Die Anstrengungen und Konflikte, welche sich zwischen Sündenfall und Erlösung für die soziale Gemeinschaft und das individuelle Leben in der christlich geprägten Welt ergeben, sind aber keine rein historische Erzählung. Christen sehen darin auch in unserer Zeit den wesentlichen Gegenstand ihrer religiösen und moralischen Vorstellungen. Die Texte der Bibel stützen sich zur Veranschaulichung abstrakter Aussagen häufig auf sprachliche Bilder und Gleichnisse, die für die den Verfassern zeitgenössischen Leser oder Zuhörer verständlich sein konnten. So ist es nicht verwunderlich, dass bereits in der Schöpfungsgeschichte der Baum als starkes Symbol des Lebens eine zentrale Rolle spielt. Genauer gesagt sind es drei Bäume, aus deren symbolischer Verflechtung die christliche Sicht der spirituellen Entwicklung des Menschen erklärt werden kann: Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, Der Baum des Lebens und Der Kreuzesbaum. Alle drei können aus jeweils unterschiedlicher Perspektive als „Lebensbäume“ verstanden werden, ihre Bedeutung ergibt sich aber daraus, dass sie gegenseitig voneinander abhängig sind.

Die Paradiesbäume

Die biblische Schöpfungsgeschichte stellt einen sinnhaften Zusammenhang zwischen den zwei Bäumen des Paradieses her. Dieser Zusammenhang ist häufiger Gegenstand der Religionsliteratur und der Schriftauslegung. Im 1. Buch Moses heißt es:

“Und Gott, der Herr, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume aufsprießen, lieblich zum Anschauen und gut zur Nahrung, den Lebensbaum aber mitten im Garten und auch den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.“ (1. Buch Moses, 2,9)

Gertrud Höhler (a.a.O.) weist in ihrem Text über den Baum der Erkenntnis darauf hin, dass Erkenntnisbäume keine Erfindung der Bibel sind. Vorläufer und Parallelen finden sich beispielsweise im griechischen Mythos (Baum der Hesperiden), im iranischen Baum Horn oder dem Erleuchtungsbaum Buddhas. Der Baum wird hier als ein Medium aufgefasst, die gewöhnlichen menschlichen Grenzen zu überschreiten und eine Verbindung mit dem Göttlichen aufzunehmen. In der biblischen Geschichte vom Garten Eden markiert dieser Baum ein Tabu, dessen Bruch das Vordringen in unbekannte, aber ersehnte Erfahrungsbereiche verspricht. Er steht für die Differenz-Einheit von Leben und Tod. Er ist lustig anzusehen, trägt wie die anderen Bäume des Gartens auch essbare Früchte, und die Menschen freuen sich zunächst daran. Aber er birgt ein Geheimnis, das nur durch die Überschreitung eines Verbots zu lüften ist. Damit bringt er die Angst und den Tod in das Leben der Menschen:

"Gott, der Herr, gebot dem Menschen: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, nur vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen, denn am Tage, da du davon issest, musst du sterben.“
(1. Buch Moses, 2,16-17)

An keiner Stelle der Bibel wird genau gesagt, um welche Baumart es sich beim Baum der Erkenntnis handelt. Dennoch wird in der christlichen Kunst dieser Baum meist als Apfelbaum dargestellt. Tatsächlich trägt der Apfel als Symbol auch in anderen Zusammenhängen verschiedene Bedeutungsaspekte: Erkenntnis, Unsterblichkeit und Begierde, die in der Geschichte eine wesentliche Rolle spielen. An welchen Fruchtbaum der Verfasser auch immer gedacht haben mag, der verbotene Genuss seiner Früchte verbildlicht das Hauptthema der christlichen Welt: den Fall der Menschheit vom paradiesischen Zustand, einer selbstverständlichen Ausrichtung auf Gott, in den Abgrund der Gottverlassenheit und des Todes. Die Grenze zwischen Leben und Tod wird durch ein Verbot markiert, durch die Forderung Gottes, von einem bestimmten Baum nicht zu essen. Der Mensch aber ist misstrauisch, will so wie Gott allwissend sein und verliert mit der Überschreitung des Verbots gerade das, was er im unwissenden Zustand besaß: das ewige Leben. Dieses steht in Verbindung mit dem zweiten Baum des Paradieses, dem Baum des Lebens. Während der Erkenntnisbaum, vermittelt über den Ehrgeiz des Menschen, den Fall aus dem Paradies und damit den Tod repräsentiert, ist der Lebensbaum Sinnbild des ursprünglichen Zustandes, in dem der Mensch allein in Bezug auf Gott lebte und sich nicht um die Verfolgung eigener ehrgeiziger Ziele kümmerte. Bevor die Schlange die ersten Menschen verführt, wird die Existenz des Lebensbaums lediglich erwähnt. Keine Rede ist aber davon, dass sie an dessen Früchten Interesse gehabt hätten. Und tatsächlich bezieht sich das göttliche Verbot ja auch nur auf den Erkenntnisbaum, das ewige Leben ist den beiden als Gottes Geschöpfen bis zu diesem Zeitpunkt ohnehin gegeben. Obwohl also beide Bäume, sogar in der Mitte des Gartens, gleichzeitig zugänglich sind, richtet sich die Aufmerksamkeit der Menschen allein auf das Verbotene. Die Schlange legt es ihnen nahe, dass Gott durch das Tabu nur seine Einzigartigkeit behaupten und den Menschen die Erkenntnis vorenthalten möchte, damit sie nicht ebenfalls göttlich würden. Mit dem Essen der Frucht aber erfüllt sich die Prophezeiung, Adam und Eva erkennen fortan nicht nur ihre Verfehlung, sie erkennen sich auch als voneinander und vor allem von Gott unterschiedene Menschen.

"Da gingen beider Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenlaub zusammen und machten sich Schürzen daraus. Da vernahmen sie das Geräusch Gottes, des Herrn, der im Garten beim Windhauch des Tages einherging. Und es versteckten sich der Mann und seine Frau vor dem Angesichte Gottes, des Herrn, mitten unter den Bäumen des Gartens.
(1. Buch Moses, 3,7-8)

Hier zeigt sich, dass der Baum in der christlichen Schöpfungsgeschichte eine dominierende Rolle in verschiedenen Funktionen spielt: Der Baum soll in Form des Lebensbaums das Leben erhalten, in Form des Erkenntnisbaums gibt er Anlass zum Sündenfall der ersten Menschen, und den dann Wissenden bietet er Kleidung und Versteck. Natürlich wissen Adam und Eva nun auch, dass sie Gottes Gebot missachtet haben und das Leben künftig keine reine Freude mehr sein würde, v. a. aber dass sie sterben müssen. Die Rettung wäre in dieser Situation der bislang unbeachtete Lebensbaum, doch Gott verhindert einen weiteren Frevel, indem er die Menschen vom Lebensbaum fernhält und sie gänzlich aus dem Paradies vertreibt.

“… „Ja, der Mensch ist jetzt wie einer von uns geworden, da er Gutes und Böses erkennt. Nun geht es darum, dass er nicht noch seine Hand ausstrecke, sich am Baume des Lebens vergreife, davon esse und ewig lebe!“ So wies Gott, der Herr, ihn aus dem Garten fort, dass er den Ackerboden bearbeite, von dem er genommen war. Er vertrieb den Menschen, ließ ihn östlich vom Garten Eden wohnen und stellte die Kerubim und die flammende Schwertklinge auf, den Weg zum Baum des Lebens zu behüten.“ (1. Buch Moses, 3,22-24).

Nach dem Sündenfall ist in der Bibel vom Baum der Erkenntnis keine Rede mehr. Und auch an den Baum des Lebens kann der Mensch nicht mehr in seiner ursprünglichen Form gelangen. Damit beginnt, wenn man so sagen darf, das Drama der Menschheit und das Ringen darum, einen Weg zurück zu Gott zu finden, um das verloren gegangene Paradies letztlich wieder betreten zu können. Lange Zeit findet sich in der biblischen Erzählung hierfür keine Lösung, der Baum aber wird immer wieder als Symbol der Differenz-Einheit Heil und Verdammnis, Frömmigkeit und Sünde, Weltrettung und Weltgericht eingesetzt. Erst mit dem Wirken Jesu, des christlichen Erlösers, rückt der Lebensbaum für die, die an ihn glauben, wieder in erreichbare Nähe. In Gestalt des Kreuzbaums, an dem Jesus hingerichtet wird, ersteht er in neuer Form und löscht gleichzeitig den Erkenntnisbaum der Paradiesgeschichte aus. Die beiden Bäume quasi räumlich zu trennen, erleichtert sicherlich die bildliche Vorstellung. Möglicherweise aber stellen die beiden Bäume nur einen Baum in verschiedenen Perspektiven dar: Wenn Adam die Augen geöffnet wurden, nachdem er vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, konnte er nun auch den Lebensbaum sehen, den der Erkenntnisbaum gleichzeitig verkörperte, den er aber vorher als solchen nicht erkennen konnte. Auf diese Lesart weist der Mythenforscher Jacques Brosse (a. a. O.) hin, wenn er Parallelen zu vorgängigen Mythen anderer Kulturkreise sieht, in denen auch ein erster Mensch oder Held, ein Lebensbaum und eine den Zugang zum Lebensbaum verwehrende Schlange zusammenspielen. Man denke etwa an den babylonischen Helden Gilgamesch, der auf der Suche nach der Unsterblichkeit bis zum Meeresgrund hinabtaucht, um einen ewiges Leben verheißenden Zweig einer dornigen Pflanze zu brechen und an die Schlange, die diesen Zweig später verschlingt. Oder an den germanischen Mythos von Odin und dem Weltenbaum, der Esche Yggdrasil, an deren Wurzeln die Riesenschlange Nioggrh nagt. Vielleicht aber hat sich im Falle der Paradiesgeschichte am Erkenntnisbaum nur etwas erfüllt, was schon vorher angelegt war. Denn schon bevor Eva geschaffen wurde, hat Gott Adam das Verbot mitgeteilt und damit seinen Eigensinn provoziert . Mit der Entscheidung Gottes aber, dem ersten Menschen eine Gefährtin zuzugesellen, wurde in der Welt eine Dualität geschaffen (übergreifend gesehen natürlich auch schon durch die Schaffung des ersten Menschen), die den späteren Sündenfall vorwegnimmt. Ab diesem Zeitpunkt war Adam nicht mehr nur auf Gott hin ausgerichtet, er konnte schon unterscheiden, was im selbstverständlichen Da-Sein als Gottes-Kind nicht möglich und notwendig war. In diesem Zusammenhang ist zu beachten: auch der Baum ist häufig androgyn, trägt sowohl männliche als auch weibliche Blüten, und eignet sich vielleicht auch deshalb zur Symbolisierung des zwangsläufigen Falls aus der Einheit.

Der Kreuzbaum

Das alttestamentarische Bild von Gott als dem strafenden und zornigen spirituellen Vater wird mit dem Wirken des Gottessohnes Jesus unter den Menschen aufgelöst. Damit kommt das Kreuz als neues Symbol des Lebensbaums ins Spiel, welches daran erinnert, dass der Rückweg zur Einheit mit Gott nicht versperrt ist. Diese Auflösung setzt zunächst das Lebensopfer Jesu voraus. Gerade weil es sich bei dem Kreuz um das Folterinstrument handelt, an dem Jesus hingerichtet wurde, kann es nach seinem Tod und seiner Wiederauferstehung zum starken Symbol der Hoffnung und des neuen Lebens werden. Die theologische Begründung hierfür ist, dass der Tod Jesu nicht sinnlos war, sondern ein Tod für die Sünden der Menschen und diesen zugute: „Christus ist für uns gestorben“ (Röm 5,9). Das Kreuz wird dabei bis heute im direkten Zusammenhang mit den Bäumen des Paradieses gesetzt. Bereits in der Bildersprache des Mittelalters war dies ein häufiges Thema, welches von den in dieser Sprache sensibilisierten Zeitgenossen verstanden wurde. Lucas Cranach hat bspw. einen Baum mit zwei unterschiedlichen Hälften geschaffen: auf der einen Seite dürr mit der hintergründigen Vertreibungsszene, auf der anderen Seite grün mit der Passions- und Auferstehungsszene. In anderen Darstellungen wird das Leidenskreuz als lebender Baum dargestellt und als lignum vitae, Holz des Lebens, bezeichnet. Z. B. wächst in Darstellungen der Lebensbaum aus dem Grab des Adam, an diesem hängt Christus, von Dornen aus dem Holz des Lebens gekrönt.

“Einfachere Legenden erzählen, Adam habe einen Apfel – oder einen Schössling – vom Baum der Erkenntnis mitgenommen aus dem Paradies und gesät oder gepflanzt, woraus dann jener Baum gewachsen sei, aus dessen Holz das Kreuz Christi gezimmert wurde. Allen diesen Legenden liegt die verlockende Vorstellung zugrunde, das Baumholz des Paradieses könne hinübergedeutet werden in die Aufhebung der Sünde. Christus am Baum der Erkenntnis sterben zu lassen, damit schon die Paradiesgeschichte mit diesem Glanz verklärt werden könne: diesem Verlangen haben viele Maler Gestalt gegeben. Hinter solchen versöhnlichen Versionen der Heilsgeschichte steckt der menschliche Wunsch, Jahrhunderte zusammenzudenken vom Ende her: den Tod zu verschlingen in den Sieg.“
(Höhler, a. a. O.: S. 118).

Die Verschmelzung des Kreuzes mit dem Lebensbaum des Paradieses wurde so vielfach zu einem Hauptmotiv der christlichen Theologie, Dichtung und Kunst. Diese Verbindung von altem und neuen Testament beschreibt auch Jacques Brosse als Leitgedanke christlicher Heilserwartung, der mit der wundersamen Verwandlung von Tod in neues Leben anhand des Kreuzes versinnbildlicht wird:

“Die Gleichsetzung des Lebensbaums mit dem Holz des Kreuzes, einem Todesbaum, aber eines göttlichen und wieder auferstandenen Toten, einem Baum des höchsten Opfers, das der gesamten, seit dem Sündenfall sterblich gewordenen Menschheit das Leben wiedergibt, verbindet Adam und Jesus, den <<neuen Adam>>. Beide sind menschgewordene Götter, doch während der erstere gefallen ist, weil er dem Vater nicht gehorchte, wählte der letztere den Weg in die Inkarnation, um die väterlichen Gebote zu befolgen und die Menschen zu erlösen, die seine Brüder geworden waren, ohne dass er seine Göttlichkeit aufgegeben hätte.“
(Brosse, a. a. O.: S. 263).

Der Zusammenhang ist auch in schriftlichen Überlieferungen des Mittelalters besonders deutlich hervorgehoben worden. Quellen hierzu sind verschiedene Apokryphen, so die Apokalypse des Moses, das Leben Adams und Evas, und vor allem das Evangelium des Nikodemus. Kern der Legende ist die Geschichte von Adam, seinem spät geborenen Sohn Seth und dessen Besuch an der Pforte des Paradieses, welches er wegen der Überwachung durch den Erzengel Michael nicht betreten kann. Er kann aber dreimal in das Paradies blicken, zweimal sieht er einen verdorrten Baum (einmal neben der Quelle des Lebens und einmal am Rande eines Abgrundes) und ein Mal einen grünenden Baum, in dessen Wipfel die Jungfrau Maria und das Jesuskind erscheinen. Der Erzengel weist Seth darauf hin, dass das Paradies noch lange verschlossen bleibe aufgrund der Verfehlung des Adam, dass er aber Adam nach dessen Ableben (welches drei Tage später eintreten soll) drei Samenkörner von der Frucht des Lebensbaums unter die Zunge und damit mit ins Grab legen solle. Die Legende erzählt dann in detaillierter Form und in den verschiedenen Quellen auch variierend, wie aus Adams Grab später zunächst drei Bäume wachsen (Zeder als Symbol der Unvergänglichkeit, Zypresse als Symbol der Trauer, und Palme als Symbol der Auferstehung), die dann aber später zu einem Baum verschmelzen. Aus diesem Baum wird auf unterschiedlich erzähltem Wege später das Leidenskreuz Christi gefertigt, welches zum neuen Lebensbaum wird. Der antike Kirchenlehrer Ephräm der Syrer, welcher im 4. Jahrhundert im Gebiet der heutigen Türkei gelebt und zahlreiche Hymnen mit Bezug zur heiligen Schrift veröffentlicht hat, fasst es in lyrischer Form:

“Der Lebensbaum,
verborgen in der Mitte des Paradieses,
wuchs heran in Maria
und aus ihr hervortretend
beschützte er den Erdkreis in seinem Schatten
und schüttete Früchte aus
über die weitab Getrennten und die Nahen.“

“Lebensbaum ist das Kreuz,
das Früchte des Lebens
für unser Geschlecht hervorbrachte:
Auf dem Hügel von Golgotha
teilte Christus das Leben den Menschen mit;
von da hat er auch uns
das Liebespfand des ewigen Lebens zugesagt“.

(Zitat nach dem unten belegten Internetbeitrag von Vinzenz Pfnür)

Wie der Text zeigt wird die Baumsymbolik nicht allein mit Jesus und dem Kreuzestod in Verbindung gebracht. Ebenso wie die chronologisch weit auseinander liegenden biblischen Geschehnisse in den bildlichen und schriftlichen Interpretationen häufig in einer Simultanschau präsentiert werden, heftet sich die Symbolik des Lebensbaums auch durchaus an unterschiedliche Protagonisten.

Christlicher Lebensbaum

So wie in der Schriftauslegung und in den Legenden Jesus gerne als der „neue Adam“ interpretiert wird, erscheint die Gottesmutter Maria auch in der Rolle der „neuen Eva“. Dass diese Entsprechung „verwandtschaftlich“ nicht stimmig ist, stört das damit transportierte Bild nicht: Maria setzt der Tod bringenden Frucht der Eva die Leben spendende Frucht ihres Leibes entgegen. Wenn Maria also mit dem Lebensbaum in Verbindung gebracht wird, so setzt dies an ihrer Mütterlichkeit und Weiblichkeit an. Tatsächlich verweist in den indogermanischen Sprachen die etymologische Bedeutung von „Mutter“ auf Biologisches, während „Vater“ einen Begriff der Rechtsordnung darstellt. Im Lateinischen „mater“ meint die Menschenmutter, aber auch den Baumstumpf oder Wurzelstock, außerdem ein Synonym für „terra“ im Sinne von Mutterland. An welcher Stelle nun der Lebensbaum zu verorten ist, variiert zwischen den verschiedenen Überlieferungen. So sieht der Kirchenlehrer Johannes Damascenus in Maria die Paradieserde, die den neuen Lebensbaum nährt. Beide Bilder sind demnach denkbar: Maria selbst als Baum des Lebens, an dem Christus als Frucht mit der Gnade Gottes reift, oder Maria als Erdreich, in dem Christus als neuer Lebensbaum wurzelt. Die Bilder gehen hier gerade in den Darstellungen des Mittelalters, aber auch schon in den ersten christlichen Jahrhunderten, gerne ineinander über. Maria und Jesus, der Lebensbaum und das Leidenskreuz, die Paradiesgeschichte und die Passion werden häufig miteinander verschränkt, um letztlich einen christlichen Grundgedanken in wechselnder Schwerpunktlegung deutlich zu machen. Höhler (a. a. O.) verweist in diesem Zusammenhang z. B. auf mittelalterliche Miniaturenmalereien, die Maria im Paradiesgarten sitzend darstellen (Man beachte die Umkehrung der zeitlichen Zusammenhänge). Dabei handelt es sich i. d. R. um einen verschlossenen Garten, hortus conclusus, der Sinnbild der Jungfräulichkeit ist, aber auch für Marias Reinheit und Fruchtbarkeit steht. „Der Christusknabe wächst in diesem Garten heran zwischen den Marienbäumen Zeder, Zypresse und Palme“ (Höhler, a. a. O.: S. 160) Die Symbolik dieser drei Baumarten wurde bereits weiter oben im Rahmen der Betrachtung des Kreuzbaums erläutert. Andere Abbildungen zeigen Maria als schwangere Frau, die mit einem Baum verbunden scheint, aus dem das Leidenskreuz mit dem daran hängenden Erlöser ragt. Besonders häufig ist die Darstellung von Szenen, die die Jungfrau Maria mit Rosen in Verbindung bringen, v. a. die Jungfrau im Rosengarten ist ein häufiges mittelalterliches Motiv. Der Grund: Rosen galten als Sinnbilder der göttlichen Liebe und der Wundmale, die Jesus Leiden begleiten, in den Weissagungen des alten Testaments gleichzeitig der Früchte, die der Messias für die Menschen hervorbringt. Wenn also Maria das Jesuskind vor einem Rosenbaum in Armen hält, dann präsentiert sie quasi den Lebensbaum als neue Hoffnung der Menschen. So wie aber Jesus sowohl als Vermittler des neuen Lebens als auch selbst als Lebensbaum gesehen wurde und wird, schwankt die symbolgeschichtliche Rolle der Gottesmutter zwischen dem Hervorbringen des Lebens einerseits und dem Repräsentieren der neuen Hoffnung als eigenständige Person oder eigenständiger Lebensbaum.

Die vielfältigen Formen der Marienverehrung zeugen von der zuletzt genannten Deutung. In Wallfahrtsorten wie Mariabuchen, Marialinden, Maria Tann oder Marienbäume wird Maria als arbor bona verehrt. Wie die Ortsnamen bereits deutlich machen, findet diese Verehrung an der Nähe von Bäumen statt. Wie dies auch bei anderen Brauchtümern, etwa dem Weihnachtsbaum oder dem Maibaum, ebenfalls der Fall ist, schließt sich christlicher Sinn hier an vorchristliche Baumheiligtümer an, welche mit dem Namen der Gottesmutter verbunden wurden. Der vorchristliche Glaube an Baumgeister wurde damit abgelöst, ohne ganz zu verschwinden. Im Süden Deutschlands etwa finden sich gelegentlich Kirchen, die in der unmittelbaren Nähe bestimmter Bäume gebaut wurden. Diese Bäume trugen Marienbilder und wurden deshalb als heilige „Wohnorte“ der Jungfrau verstanden. Auch schon in vorchristlicher Zeit galten Bäume als Sitz des Göttlichen.

Die Baumsymbolik, welche sich aus der Beziehung der Gottesmutter zu Jesus im Zusammenhang der Erlösungsgeschichte entwickelt hat, findet eine weitere Wurzel im alten Testament, speziell im Buch Jesaja. In Jesaja 10, 33-34 und 11, 1-3 wird davon erzählt, dass Gott einen Baum bzw. einen Wald mit Gewalt abholzt und ihn damit gleichsam straft. Der Stumpf des Baums aber beginnt von neuem auszutreiben. Gemeint ist den Interpreten zu Folge hier nicht, wie sonst in der Bibel häufig, ein heidnischer König, sondern Isai (lat. Jesse), der Begründer des Geschlechts Davids, aus dessen bildlichem Stumpf nach der göttlichen Heimsuchung ein neues Reis, eben dieses Geschlecht erwächst. Da die Gottesmutter aber als Nachfahrin des Geschlechts Davids gilt, hat die spätere christliche Deutung der prophetischen Weissagung im dann so genannten Stamm Jesse die Gottesmutter und in dem neu aufkeimenden Spross den Christus gesehen. In bildlichen Darstellungen des Jesse wird diese Interpretation, wie oben bereits erwähnt, mit den übrigen Elementen der Schöpfungs- und Heilsgeschichte verknüpft. So wird auf dem Umweg der alttestamentarischen Schriftauslegung wiederum der Bogen zwischen den Paradiesbäumen und dem Kreuzbaum der Erlösung geschlagen, wobei Jesse, abweichend von der Bibelpassage, häufig als Mensch dargestellt ist, aus dem heraus ein Baum wächst.

“Der Baum Jesse wurde für sich zu einem ganzen Bündel von Symbolen der christlichen Mystik. Man brachte mit ihm natürlich die Vision Seths vom Lebensbaum in Verbindung, der in seinem Wipfel Jesus und seine Mutter trug. Die Jungfrau wurde zur <<neuen Eva>>; und Abel, der das Opfer seines Bruders wurde, wie auch Joseph, der Sohn Jakobs, von seinen Brüdern verkauft wurde, glich Jesus, dem Menschensohn, der von seinem Jünger Judas an seine Feinde ausgeliefert wurde. Der Baum versinnbildlichte auch die allgegenwärtige Kirche, die aus Jesu Opfer entstanden war, und selbstverständlich auch das Paradies. Ferner erinnerte er an die Jakobsleiter und an die feurige Leider des Johannes, die Himmel und Erde verbindet. Die Ikonographie zeigte Jesse, den Patriarchen, wie er schlafend und träumend am Boden liegt, eine angezündete Lampe ist neben ihm aufgestellt. Aus seinem Nabel oder seinem Mund wuchs der Stamm hervor; auf den Ästen waren die Könige von Juda oder die Propheten abgebildet, die von Zeitalter zu Zeitalter das Kommen des <<Sprosses aus dem Hause Davids>>, des künftigen Messias, angekündigt hatten. Ganz zuoberst erschien wie eine riesige Blüte die Jungfrau, die auf ihrem rechten Arm das göttliche Kind hielt und ihm mit der linken Hand eine Blume reichte.“
(Brosse, a. a. O.: S. 270).

Die Erzählungen der Bibel und die Ausdeutungen der vergangenen zwei Jahrtausende in die Gegenwart zu transportieren, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Vieles daran ist letztlich nur unter Berücksichtigung der historischen Umstände rekonstruierbar. Die drei Bäume der Bibel aber, deren gegenseitige Verbindung so viele Interpreten beschäftigt hat, stehen für einen christlichen Grundgedanken, der wegen seiner Zeitlosigkeit auch für heute lebende Menschen Bedeutung haben kann. Möglicherweise ist er sogar in wachsendem Maße diskussionswürdig, wenn die zerstörerischen Folgen menschlichen Handelns für die von Christen auf Gott zurückgeführte Schöpfung ins Auge gefasst werden. So sieht es der zeitgenössische amerikanische Autor Rick Joyner, wenn er in seinem Buch „Die zwei Bäume im Paradies“ (Originaltitel: „There were two Trees in the Garden“) den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens für modernes Leben begreifbar zu machen sucht. Nicht ohne selbst die prophetische Sprache der Bibel, von der er seine Deutungen kenntnisreich ableitet, ganz abzulegen. Unabhängig aber von der Art der sprachlichen Umsetzung und einzelnen sicherlich streitwürdigen Wertungen seines Buchs gelingt es ihm, den abstrakten Grundgedanken deutlich zu machen, der das Thema seiner rein historischen Anmutung entkleidet. Ausgehend von der Paradiesgeschichte und der Symbolik der zwei Bäume stellt Joyner Bezüge zur Geschichte der christlichen Welt, aber vor allem zum Leben jedes einzelnen Menschen der heutigen Zeit her. Diese Übertragung dreht sich im Wesentlichen um den Konflikt zwischen der geistigen und der materiellen Welt, zwischen einer bedingungslosen Ausrichtung des Lebens auf Gott auf der einen Seite und den Macht- und Gestaltungsbestrebungen der Menschen auf der anderen. Damit verbunden ist die Entscheidung zwischen einem quasi kindlichen Vertrauen gegenüber Gott als dem Lebensspender und der individuellen Selbstbestimmung, wie sie am Baum der Erkenntnis ihren Anfang nahm, und welche sich in Form eigener Entscheidungen und Urteile äußert. Nach Joyners Auffassung ist mit dem Sündenfall der Menschen die Abspaltung von der ursprünglichen Einheit mit Gott zwangsläufig geworden. Obwohl ein göttliches Verbot existierte, ist Gott nicht wirklich der Bestrafende. Vielmehr enthält die verbotenerweise gegessene Frucht vom Erkenntnisbaum selber das „Gift“, welches die Menschen schlagartig vom Leben entfernt und sie von da an mit dem Tod konfrontiert.

“Die Erkenntnis über Gut und Böse tötet uns, indem sie uns von dem ablenkt, der die Quelle des Lebens ist. Der Baum des Lebens – Jesus. Der Baum der Erkenntnis bringt uns dazu, unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst zu richten. …. Ichbezogenheit ist das Hauptübel, mit dem uns der Baum schlägt.“ (Joyner, a. a. O.: S. 16)

“Es ist immer das <<ich will>> des Menschen gewesen, das ihn zum Feind der Absichten Gottes gemacht hat. Wir werden seine Verheißungen nicht erlangen, bis wir nicht dieses <<ich will>> durch <<er will>> ersetzen werden, denn <<die Kraft>> menschlicher Hände kann Gott nicht dienen.“
(a. a. O.: S. 79).

An den beiden Bäumen und der Verfehlung Adams und Evas macht Joyner entsprechend eine sich gegenseitig ausschließende Gabelung in der Entwicklung der Menschheit seit dem Sündenfall fest, die beim Geschwisterpaar Kain und Abel ansetzt und an alle nachfolgenden Generationen weitergegeben wird – bis durch Jesus’ Wirken erstmals die Chance eröffnet wird, den Lebensbaum wieder zu erreichen und das wahre Leben wiederzugewinnen. Dabei steht Kain für die Erde und Materie verbundene Abstammungslinie, die vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ausgeht. Abel für den geistigen Weg, geleitet vom Baum des Lebens. Joyner zeichnet diese Entwicklungen anhand verschiedener herausragender Personen der Bibel nach, macht aber anhand zeitnaher Beispiele auch sehr deutlich, und darin besteht die praktische Relevanz für christlich Denkende, dass alle Menschen Aspekte beider Wege in ihrer Persönlichkeit und ihrem Leben vereinigen. Joyner ist der Ansicht, dass beide Wege nicht vereinbar seien, eine Entscheidung sei notwendig, denn “Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte hervorbringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte hervorbringt. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten (LK, 6, 43-44).“ Auch wer Joyners moralischer Argumentation nicht folgen mag, wird in diesem Zitat eine grundlegende Wahrheit erkennen. Letztlich liegt es an jedem Einzelnen, den geistigen Weg in der Welt der Materie zu finden, die er durch die eigene Körperlichkeit und das eigene Handeln selbst schafft. Die Suche nach dem Lebensbaum ist Voraussetzung dafür, die ursprüngliche Einheit mit Gott zurück zu gewinnen. Zu Lebzeiten birgt sie die Chance, die Destruktivität eigenen Gestaltungswillens zu minimieren.

© Bernhard Lux

 

Literatur:

Gertrud Höhler: „Der Baum der Erkenntnis“ sowie „Der Kreuzbaum“. In: Dies.: Die Bäume des Lebens. Baumsymbole in den Kulturen der Menschheit. München: Goldmann, 1. Aufl. 1988, S. 67-78, S. 115-120.

Jacques Brosse: Vom Garten Eden zum Holz des Kreuzes. In: Ders.: Mythologie der Bäume. Düsseldorf: Patmos ppb-Ausgabe 2001, S. 255-272.

Rick Joyner: Die zwei Bäume im Paradies. Winterthur (CH): Schleife, 1. Auflage 2002.

Vinzenz Pfnür: Das Kreuz: Lebensbaum in der Mitte des Paradiesgartens. Zur Bedeutung der christlichen Kreuzessymbolik. (Internetbeitrag: http://ivv7srv15.uni-muenster.de/mnkg/pfnuer/kreuz-lebensbaum.html).

 

Unter dem Titel "Der christliche Lebensbaum" wurde eine gekürzte Fassung dieses Textes veröffentlicht in: Der Warndt - ein industriell geprägter Naturraum im Wandel, Heimatkundlicher Verein Wanrdt e.V. (Hrsg.), 1. Aufl. 2015, S. 587-588

 

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